Friedrich Bayer 1825-1880

Das Zeitalter der „Industriellen Revolution“ ist reich an Männern, die aus kleinsten Anfängen Unternehmen von Weltgeltung geschaffen haben. Zu diesen Pionieren der deutschen Industrie gehört auch der Barmer Friedrich Bayer, der Begründer der Farbenwerke, der 1825 als Sohn eines Seidenwirkers geboren wurde. Die Familie stammte ursprünglich aus der Lausitz. Im Hause des Vaters erlebte der Junge den Gewerbefleiß des textilindustriellen Kleinmeisters und wurde so früh mit den Arbeiten der Textilindustrie vertraut. Als er 14 Jahre alt war, starb sein Vater; damit war der junge Mensch auf sich gestellt. Er wählte nicht den väterlichen Beruf, sondern wurde, seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend, Kaufmann. Die Lehre absolvierte er in einer Barmer Chemikalienhandlung. Schon dort erwies sich seine besondere kaufmännische Begabung; in wenigen Jahren rückte er zum Stellvertreter seines Chefs auf. Doch genügte dem 20jährigen eine solche Stellung nicht; er gründete bald eine eigene Handlung in Farbstoffen und Chemikalien, wie sie damals in Wuppertal von Bleichereien, Färbereien und anderen Veredelungsbetrieben benötigt wurden. Seine Fachkenntnis und Vertrautheit mit den Wünschen und Bedürfnissen der Textilindustrie sicherten dem Geschäft einen schnellen Aufstieg. Auch wurde die Neugründung dadurch besonders begünstigt, daß mit dem Ende der Revolutionszeit 1848/49 die Wuppertaler Industrie eine Aufschwungperiode erlebte, wie sie das Jahrhundert noch nicht gekannt hatte. Nach der großen europäischen Agrar und Industriekrise der 40er Jahre und den Stockungen während der Revolution war überall ein ungewöhnlich hoher Bedarf an Konsumgütern entstanden, der nun gedeckt werden mußte. Infolge guter Ernten und absinkender Lebensmittelpreise waren Kauflust und Kaufkraft sehr groß; nicht nur der deutsche, sondern auch die übrigen europäischen und die außereuropäischen Märkte erwiesen sich als nahezu unbeschränkt aufnahmefähig, so daß die Wuppertaler Kaufleute und Fabrikanten den Aufträgen kaum nachkommen konnten. Diese Gunst der Situation verstand Friedrich Bayer so gut zu nutzen, daß er in wenigen Jahren zum wohlhabenden Manne wurde. Im Leben Friedrich Bayers bedeutete diese Leistung der 50 er Jahre nur einen Anfang. Dabei entschied die besondere Situation der Zeit zum zweiten Male die Weiterentwicklung. Gerade in dem Jahrzehnt, in dem Friedrich Bayer seine Handlung sicherte und erweiterte, begann mit der Entwicklung künstlicher Farbstoffe zu industrieller Nutzbarkeit der Aufstieg der Chemie zum neuen Industriezweig. 1856 entdeckte der Engländer Perkin die Herstellung des ersten Farbstoffes auf der Basis des Steinkohlenteers, das Mauvein, drei Jahre später Verguin das Fuchsin, und in den nächsten Jahrzehnten folgten Neuentdeckungen auf Neuentdeckungen. An einer solchen Entwicklung konnte eine Farbenhandlung wie die Friedrich Bayers nicht vorübergehen; es war aber schon ein besonderes Wagnis des jungen Inhabers, daß er nicht abwartete, bis die neuen Farben eingeführt waren und sich durchgesetzt hatten, sondern sie sofort in seine Handlung aufnahm. Wie groß das Risiko war, läßt sich daran ermessen, daß diese ersten Anilinfarben zwar schon an Schönheit und Reinheit des Farbtones die alten Naturfarben übertrafen, aber an Echtheit hinter jenen weit zurückblieben. Die Kundschaft verhielt sich entsprechend abwartend; Preisschwankungen und Rückschläge konnten nicht ausbleiben.

Aber Friedrich Bayer begnügte sich nicht damit, die neuen Farben in den Handel zu bringen und bei seinen Kunden einzuführen. Noch ehe die Londoner Weltausstellung von 1862 die Bedeutung der neuen Farben auch dem Zweifler eindrucksvoll vor Augen geführt hatte, begann er die eigene Produktion. In seinem Freunde Johann Friedrich Westkott fand er einen aufgeschlossenen Partner, der zudem als Färber über die notwendigen technischen Kenntnisse verfügte. 1861 begannen die ersten Versuche, deren Ergebnisse zunächst in der Westkottschen Farberei auf ihre Brauchbarkeit hin überprüft wurden. Zunächst stellte man Anilinblau, bald auch Fuchsin her, wobei das Anilinöl aus dem Ausland bezogen werden mußte. Die Küchenherde der Familien Bayer und Westkott wurden abwechselnd zum Kochen der Farben gebraucht, so daß die Familie an solchen Tagen auf warmes Mittagessen verzichten mußte. Aber schon 1863 war es soweit, daß man wagen konnte, eine eigene Firma zu gründen. Begonnen am 1. August wurde die Firma „Friedrich Bayer et comp“, eine Woche später in das Barmer Handelsregister eingetragen. Anfangs beschäftigte man einen Arbeiter, Ende des Jahres waren es schon 12, gleichzeitig entstand die Fuchsinfabrik in Heckinghausen. 3 Jahre später zählte das Unternehmen 50 Arbeiter, 1880 waren es bereits dreihundert. Der Fuchsinbetrieb wurde 1867 von Heckinghausen nach Elberfeld verlegt, dafür der Anilinbetrieb in der älteren Werkstatt eingerichtet. 1872 entstand der Alizarinbetrieb in Elberfeld, nachdem diejenigen Mitarbeiter, denen in erster Linie der technische Fortschritt zu danken war, August Siller und Eduard Tust als Teilhaber aufgenommen worden waren. Friedrich Bayer bemühte sich in diesen Jahren vor allem um den Ausbau der Verkaufsorganisation und errichtete weitere Vertretungen, unterstützt von seinem Schwiegersohn Carl Rumpff. Diese skizzenhaften Angaben scheinen einen ungehemmten Aufstieg der Bayer’schen Fabrik anzudeuten. Sie verbergen die Schwierigkeiten, mit denen das junge Unternehmen zu kämpfen hatte, und die es oftmals ernsthaft gefährdeten. Die Fuchsinfabrik mußte nach Elberfeld ausweichen, weil die zur Fabrikation verwandten Arsenpräparate die Gesundheit der Nachbarschaft gefährdeten; die Gesundheitspolizei und Schadenersatzforderungen bedrängten den Inhaber. Gefährlicher waren die Folgen der sich überstürzenden Entwicklung der chemischen Industrie. Erfindungen und Verbesserungen lösten einander ab, und man mußte mithalten, wenn man nicht im Wettkampf unterliegen wollte. Eine Folge davon war ein härtester Konkurrenzkampf der Betriebe untereinander; es kam zu Preisschwankungen, die jede Kalkulation auf längere Sicht unmöglich machten. Vor allem in den ersten Jahren nach dem Krieg 1870/71, der sogenannten „Gründerzeit”, gab es unter dem Eindruck des Erfolges gerade des neuen Alizarins, das den Krapp ersetzte, viele spekulative Neugründungen, die sich, als dann 1874 die große Krise hereinbrach, nicht halten konnten. Von 6 Alizarinfabriken in Elberfeld überstanden nur zwei diese Krise; eine davon war Friedrich Bayer & Co. Gerade in diesen Jahren erwies sich das besondere kaufmännische Geschick Friedrich Bayers, dem es nicht nur gelang, die Firma zu halten, sondern sie weiter auszubauen und zu ihrer führenden Stellung zu bringen. Friedrich Bayer hat die Gunst der Situation richtig erkannt und genutzt, und er hat die Bewährungsprobe der Krise dank seiner kaufmännischen Tüchtigkeit durchstehen können.

Eine geradezu geniale Witterung für das Kommende, echte kaufmännische Phantasie, Mut zur Entscheidung, Zähigkeit und Entschlossenheit zeichnen diesen Kaufmann und Fabrikanten aus, der in unermüdlicher Arbeit den Grundstein zu einem Weltunternehmen legte. Als der 55jährige am 6. Mai 1880 auf einer Reise in Würzburg starb, war die Stellung seines Werkes gefestigt. Zwar gab es auch weiterhin noch ernsthafte Kämpfe zu bestehen, bis die „Farbenfabriken A.G., vormals Friedrich Bayer & Co.”, in die seine Mitarbeiter und Erben die Firma umwandelten, endgültig ihren gesicherten Platz innerhalb der deutschen Chemischen Industrie errungen hatten; aber der Grund war gelegt. *,

Dr. Wolfgang Köllmann, Wuppertal

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