Ein Fernsprechgebäude als Zankapfel

Oct 19, 2026 · @Heiko

Das ehemalige Fernmeldeamt an der Briller Straße und die Rivalität zwischen Barmen und Elberfeld

Das ehemalige Fernmeldeamt an der Briller Straße 39 steht seit Jahren überwiegend leer. Im November 2025 hat die Wuppertaler Ferox-Immobiliengruppe den Bau von der Telekom erworben. Geplant sind rund 90 Wohnungen und Gewerbe im Erdgeschoss, die Baugenehmigung liegt inzwischen vor.[1] Die Denkmalliste beschreibt den Eckbau als expressionistischen grünen Putzbau von 1928 mit roten Sandsteingliederungen und verschieferten Walmdächern, dessen Bauzier auf den Zweck des Hauses verweist.[2] Weniger bekannt ist, dass der Neubau bei seiner Eröffnung zum Gegenstand eines handfesten Streits zwischen Barmen und Elberfeld wurde.

Ein neues Fernsprechgebäude am Brill

Im Oktober 1927 meldete die Bergisch-Märkische Zeitung, das „neue Telegraphenamt am Brill“ werde demnächst in Dienst genommen. Viele der dort beschäftigten Beamten und Beamtinnen wohnten in der Nordstadt.[3] Die Verwaltung folgte erst später: Ab dem 28. Januar 1929 saßen Amtsleitung, Rechnungsstelle, Anmeldestelle und die Einziehungsstelle für rückständige Fernsprechgebühren „im neuen Fernsprechgebäude Ecke Briller-Katernberger-Straße“. Der Telegraphenbetrieb blieb in der Morianstraße.[4]

Das Einwohnerbuch von 1930 nennt als Eigentümer der Briller Straße 39 die Reichs-Postverwaltung, als Nutzer das Telegraphenamt und die Telegrafenbauabteilung.[5] Ein Rückblick von 1940 ordnet den Bau in die Folge der Elberfelder Vermittlungsstellen ein: vom Bahnhof Döppersberg über die Herzog- und die Morianstraße bis zum „repräsentativen und zentralisierten Telegraphenamt in der Brillerstraße“.[6]

Barmens lange Verlustliste

Für Barmen war der Neubau kein Grund zur Freude. Am 8. März 1929 eröffnete die Barmer Zeitung einen ganzseitigen Beitrag mit dem Satz: „Die Stadt Barmen erfreut sich nicht der Freundschaft und des Wohlwollens der Reichs- und Staatsbehörden.“ Die Zurücksetzung werde „seit Jahrzehnten mit viel Fleiß geübt“, denn: „Elberfeld – das ist die Stadt des Wuppertals.“[7]

Bei der Post ließ sich das an Daten festmachen. Schon 1906 war der Barmer Fernverkehr dem Telegraphenamt Elberfeld übertragen worden. Am 1. März 1924 wurde das Telegraphenamt Barmen aufgehoben und seine Betriebsstelle dem Postamt unterstellt. Seit Sommer 1928 nahm Elberfeld die Telegramme beider Städte gemeinsam fernmündlich auf, und die direkten Leitungen von Barmen nach Berlin, Frankfurt, Hamburg und Köln wurden eingezogen.[8]

Wie sich das im Alltag auswirkte, zeigte die Barmer Zeitung schon im Januar 1929 an einem scheinbar nebensächlichen Beispiel: „Auch die städtischen Normaluhren sind Leidtragende.“ Die rund 200 öffentlichen Uhren wurden von der Feuerwehr-Hauptwache an der Heidterstraße nach einer Zeitangabe der Post gestellt. Seit der Verlegung nach Elberfeld kamen die Meldungen „so unzuverlässig und unpünktlich“, dass die Wache damit nichts anfangen konnte. Das Blatt sah darin einen „von den vielen Nachteilen, die der Stadt Barmen durch die Fortnahme ihrer wichtigsten Verkehrseinrichtungen erwachsen sind“.[9]

„Gegenstandslos“ – der Bericht der Oberpostdirektion

Als die Post auch die Fernsprechrechnungsstelle nach Elberfeld verlegen wollte, wurde der Barmer Widerstand so laut, dass das Reichspostministerium einen Bericht der Oberpostdirektion Düsseldorf anforderte. Der Barmer Oberbürgermeister hatte sich am 2. und 12. Januar 1929 beschwert, am 25. Januar verhandelten Post und Industrie- und Handelskammer.[10]

Der Bericht vom 24. Februar 1929 gelangte an die Barmer Zeitung, die ihn am 8. März im Wortlaut abdruckte. Barmen fühle sich gegenüber Elberfeld „stark benachteiligt“, die Beziehungen beider Städte seien „sehr gespannt“. Als Klagepunkte nannte die Behörde den Umzug der Industrie- und Handelskammer nach Elberfeld, ein Polizeipräsidium, das nun auf Elberfelder Gebiet entstehen sollte, und FD-Züge, die nicht in Barmen hielten. Ihr Fazit: „Im ganzen also sind die Barmer Klagen gegenstandslos. Sie sind lediglich zu bewerten als ein Druckmittel, um die Belange der Stadt Barmen bei den Reichs- und Staatsbehörden laut vernehmlich zu machen.“[11]

Die Redaktion antwortete scharf. Der Bericht bestätige, „daß die Zurücksetzung Barmens auch durch die Reichspost besteht“. Wirtschaftlichen Notwendigkeiten verschließe man sich nicht, wohl aber Maßnahmen, die „die Degradierung der Stadt zur Filiale Elberfelds zur Folge haben“. Warum, fragte das Blatt, sei das Knotenamt nicht nach Barmen verlegt worden? Barmen sei „bisher zu ruhig“ gewesen, nun müsse eine Stadt von 200 000 Einwohnern zeigen, dass sie sich „das Spiel nicht mehr gefallen läßt“.[12]

Nach der Vereinigung

Am 1. August 1929 wurden Barmen, Elberfeld und ihre Nachbarorte zur Stadt Barmen-Elberfeld vereinigt, die 1930 den Namen Wuppertal erhielt. Die Post setzte ihre Pläne trotzdem um: Anfang September 1929 kamen Fernsprech-Rechnungsstelle und Anmeldestelle aus Barmen zum Telegraphenamt in der Briller Straße 39. Für Auskünfte blieb im Barmer Hauptpostamt ein Zimmer mit Eingang an der Prinzenstraße.[13]

Ganz angekommen war die Neuordnung damit nicht. Im März 1930 musste das Telegraphenamt die Barmer Teilnehmer erneut ermahnen, ihre Anträge nicht an das Postamt 1 oder das Barmer Telegraphenbauamt zu richten, sondern allein an die Briller Straße.[14] Am 17. Mai 1930 nahmen die Selbstanschlussämter in Elberfeld und Barmen den Betrieb auf.[15] Zehn Jahre später galt das Haus am Brill als selbstverständliche Zentrale des Wuppertaler Fernsprechwesens.[16]

Ein Ort der Stadtwerdung

Das Fernmeldeamt am Brill ist damit mehr als ein qualitätvoller Postbau der Zwanzigerjahre. An ihm lässt sich ablesen, wie die Reichspost mit Technik und Verwaltung Tatsachen schuf, bevor die Politik über die Vereinigung entschieden hatte – und wie empfindlich Barmen darauf reagierte. Wenn das Haus nun eine neue Nutzung erhält, lohnt es sich, auch diese Geschichte mitzudenken.

Quellen und Anmerkungen

Alle historischen Zeitungen sind über zeit.punkt NRW digital zugänglich.

  1. Wuppertaler Rundschau: Ex-Fernmeldeamt soll neues Leben eingehaucht werden, 5.11.2025; dies.: Bauantrag für das Ex-Fernmeldeamt eingereicht, 2026; dies.: Ex-Fernmeldeamt: Baugenehmigung liegt schon vor, 2026.
  2. Denkmalliste der Stadt Wuppertal, Nr. 1410, eingetragen am 1.7.1988.
  3. Bergisch-Märkische Zeitung Nr. 288, 19.10.1927, 1. Beilage.
  4. Umzug des Telegraphenamts, in: Bergisch-Märkische Zeitung Nr. 25, 25.1.1929.
  5. Einwohnerbuch 1930, Eintrag Briller Straße 39.
  6. Vom Kurbelkasten zum Selbstanschlußamt, in: Wuppertaler Stadtnachrichten (Beilage zum Stadt-Anzeiger für Wuppertal und Umgebung) Nr. 207, 2.9.1940, S. 3.
  7. Die OPD. und die Barmer Postverhältnisse, in: Barmer Zeitung Nr. 57, 8.3.1929, 3. Beilage.
  8. Ebd., Bericht der Oberpostdirektion Düsseldorf vom 24.2.1929.
  9. Folgen der Verlegung des Telegraphenamtes. Auch die städtischen Normaluhren sind Leidtragende, in: Barmer Zeitung Nr. 6, 8.1.1929.
  10. Wie Anm. 8.
  11. Wie Anm. 8.
  12. Wie Anm. 7, Randbemerkungen zu dem Bericht, gez. K. W.
  13. Bergisch-Märkische Zeitung Nr. 245, 5.9.1929.
  14. Stadt-Anzeiger für Wuppertal und Umgebung Nr. 62, 14.3.1930.
  15. Hinrich Heyken: 85 Jahre Wuppertal. Stadtchronik 1929–2014.
  16. Wie Anm. 6.

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